Glasfaserausbau in Deutschland und der Schweiz: Status quo, technische Alternativen und wirtschaftliche Auswirkungen
Glasfaserausbau in Deutschland und der Schweiz: Status quo im europäischen Vergleich
Trotz milliardenschwerer Förderprogramme bleibt die digitale Infrastruktur ein Nadelöhr für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Mitte 2025 lag die Glasfaserausbauquote bei 53 Prozent, womit das Bundesziel von mindestens 50 Prozent bis Ende 2025 vorzeitig erreicht wurde. Bis 2030 ist eine flächendeckende Versorgung vorgesehen. Dennoch droht Deutschland international zurückzufallen: 2024 lag die deutsche Glasfaserabdeckung unter den EU-27-Ländern auf dem vorletzten Platz.
Die Schweiz präsentiert sich im Vergleich weiter fortgeschritten, liegt aber ebenfalls unter dem europäischen Durchschnitt. Gemäss Daten des Branchenverbands FTTH Council Europe erreicht die Schweiz mit einer Abdeckung von 72 Prozent – bezogen auf rund 4,1 Millionen Haushalte – nicht ganz den Durchschnitt der 39 untersuchten europäischen Länder von rund 79 Prozent. Damit positioniert sich die Schweiz zwar im Mittelfeld, deutlich hinter Ländern wie Malta, Rumänien oder Spanien (jeweils über 97 Prozent), jedoch vor Märkten wie Deutschland (56 Prozent) oder Belgien (42 Prozent).
Auffällig ist in beiden Ländern die geringe Nutzungsrate verfügbarer Anschlüsse. In Deutschland waren 2025 bundesweit nur 27 Prozent der verfügbaren Glasfaseranschlüsse tatsächlich aktiviert. In der Schweiz beträgt die Take-up-Rate aktuell 51 Prozent, allerdings mit fallender Tendenz gegenüber dem Vorjahr, bedingt durch die hohe Zahl neu erschlossener Anschlüsse.
Technologische Grundlagen und Vorteile der Glasfasertechnologie
Physikalische Funktionsweise
Die Glasfasertechnologie basiert auf der Übertragung von Lichtsignalen durch hauchdünne Glasfasern. Diese optischen Kabel ermöglichen eine Datenübertragung, die kaum Verzögerungen oder Qualitätsverluste aufweist. Indem Lichtimpulse kontinuierlich in den Fasern geführt werden, können Informationen nahezu ohne Unterbrechung transportiert werden. Die physikalischen Grundlagen beruhen auf dem Prinzip der Totalreflexion, wodurch das Licht im Inneren der Faser gebunden bleibt.
Leistungsvorteile gegenüber Kupfer- und Kabelnetzen
Gegenüber VDSL oder aufgerüsteten Kabelanschlüssen bietet Glasfaser entscheidende technische Vorteile: symmetrische Geschwindigkeiten für Upload und Download, deutlich geringere Störanfälligkeit, niedrigere Latenz sowie nahezu unbegrenzte Skalierbarkeit. Viele Unternehmen unterschätzen, wie schnell ihr Bandbreitenbedarf durch Cloud-Dienste, Künstliche Intelligenz (KI) oder digitale Zwillinge steigen wird. Allein innerhalb von zehn Jahren hat sich das Festnetz-Datenvolumen nahezu verneunfacht und betrug 2024 bereits 149 Milliarden Gigabyte.
Zudem ist Glasfaser ökologisch zukunftsfähiger: Sie ist energieeffizienter als Kupfer- oder Kabelnetze. Laut Umweltbundesamt benötigt der Internetzugang über VDSL mit Kupferkabel fünfmal mehr Energie als über Glasfaser.
Regionale Disparitäten und wirtschaftliche Auswirkungen
Der Fortschritt beim Glasfaserausbau spiegelt sich nicht in der Realität vieler Unternehmen wider. Eine repräsentative Befragung des IW-Zukunftspanels unter 1.079 Unternehmen aus Industrie und industrienahen Dienstleistungen im Frühjahr 2025 ergab, dass 64,5 Prozent der Unternehmen in ihren Geschäftsabläufen regelmäßig durch Infrastrukturprobleme bezüglich Kommunikationsnetzen beeinträchtigt werden, 30,7 Prozent sogar von deutlichen Beeinträchtigungen.
Regional zeigen sich erhebliche Unterschiede. Besonders hoch ist der Anteil deutlich beeinträchtigter Unternehmen in Sachsen und Thüringen (40,3 Prozent), in Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland (36,2 Prozent) sowie Baden-Württemberg (36,1 Prozent). Am geringsten ist die Beeinträchtigung im Norden Deutschlands, also in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg (22,7 Prozent).
Ein Abgleich mit objektiven Ausbauzahlen bestätigt diese Wahrnehmung: Während in Schleswig-Holstein die Glasfaserausbauquote Mitte 2025 bei 92,7 Prozent lag, in Hamburg bei 90,8 Prozent und in Bremen bei 79,7 Prozent, waren es im Saarland nur 23,8 Prozent, in Baden-Württemberg 32,8 Prozent und in Thüringen 41,3 Prozent. Dort, wo der Ausbau weit fortgeschritten ist, berichten Unternehmen deutlich seltener von Beeinträchtigungen.
Auffällig ist auch die Diskrepanz zwischen Befragungsperspektiven: Während 73 Prozent der Unternehmen 2024 angaben, dass ihre Internetverfügbarkeit ihrem Bedarf entspricht, berichten im IW-Zukunftspanel mehr als 60 Prozent von Einschränkungen. Dies deutet auf verborgene Effizienzverluste hin, da kleinere Probleme wie langsame Uploads oder instabile Videokonferenzen oft als „normal“ toleriert werden.
5G Fixed Wireless Access: Funklösung als Alternative?
Da der Glasfaserausbau bis in jeden Haushalt zeitaufwendig und kostspielig ist, testen Netzbetreiber zunehmend 5G-basierte Festnetzalternativen. Die Deutsche Telekom erprobte bereits 2018 in Bonn eine Testanlage für „Wireless to the Home“ (WTTH), bei der Glasfaserleitungen durch eine Funkstrecke ersetzt werden. O2 testete Ende 2018 in Hamburg einen „Fixed Wireless Access“ (FWA) genannten Gigabit-5G-Ansatz.
Technische Realisierung und Limitationen
Bei dieser Technologie endet die Glasfaserstrecke am Sendemast, von dort wird das Signal per 5G übertragen. Dabei kommen hohe Frequenzen wie 26 GHz oder 60 GHz zum Einsatz, die deutlich mehr Bandbreite als LTE (0,8 bis 2,6 GHz) bieten. Im Test konnte O2 4 GBit/s pro Sendeeinheit erreichen.
Jedoch handelt es sich um ein Shared Medium: Jede Antenne versorgt mehrere Kunden (bis zu 16, später möglicherweise 30), wodurch sich die verfügbare Bandbreite aufteilt. Bei voller Auslastung sinkt die Datenrate pro Nutzer potenziell auf 100 Mbit/s. Zudem erfordert die Technologie zumindest theoretisch Sichtverbindung zwischen Antenne und Empfänger – Hindernisse wie Bäume oder Gebäude können den Empfang stören. Eine weitere Herausforderung ist die Stromversorgung an Straßenlaternen, die oft nur bei Dunkelheit eingeschaltet sind.
Experten sehen 5G-FWA daher als Übergangstechnologie, die vor allem in ländlichen Regionen oder bei Bestandsgebäuden ohne Tiefbauarbeiten schnell hohe Datenraten ermöglichen kann, langfristig aber nicht die Kapazitäten echter Glasfasernetze bis in die Wohnung (FTTH) ersetzen kann.
Koordination, Förderung und Ausblick
In der Schweiz koordinieren das Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) und die Kommunikationskommission (ComCom) den Ausbau durch Arbeitsgruppen, die Standards für Material, Anschlusstypen und Vertragsgestaltung zwischen Anbietern und Hauseigentümern definieren. Dies soll sicherstellen, dass Kunden den Anbieter leicht wechseln können und der Wettbewerb funktioniert.
Für Deutschland empfiehlt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) verschiedene Massnahmen: Neben der weiteren Beschleunigung von Genehmigungsverfahren durch Digitalisierung und Standardisierung sollte die Nachfrage politisch incentiviert werden, etwa durch Gutscheinmodelle für Unternehmen. Zudem seien transparente Verfügbarkeitsdaten und branchenspezifische Best-Practice-Beispiele wichtig.
Unternehmen sollten ihrerseits die interne IT-Infrastruktur modernisieren und den eigenen Bedarf an höheren Bandbreiten frühzeitig bei Netzbetreibern oder Kommunen anmelden, damit dieser in Ausbauplanungen einfliessen kann. In Gewerbegebieten oder Industrieparks kann die Bündelung der Nachfrage die wirtschaftliche Attraktivität eines Glasfaserausbaus erhöhen.
Nur wenn Ausbau und Nutzung zusammengedacht werden, können Deutschland und die Schweiz ihre Gigabitziele bis 2030 erreichen und die digitale Wettbewerbsfähigkeit stärken.